Information Architecture – dank Netz am Ende?

Etwas, was auch im Zusammenhang mit der Frage, wie in den dynamischen Informationsumgebungen einer Bibliothek 2.0 Inhaltserschließung erfolgen wird, relevant, ist die Frage nach der Zukunft der Information Architecture. Joshua Porter reflektiert in seinem Weblog über das Ende der IA:

IA as it has lived will soon die. Not because it wasn’t valuable, not because IA’s didn’t do great work, but because the Web is moving on.

The problem is that IA models information, not relationships. Many of the artifacts that IAs create: site maps, navigation systems, taxonomies, are information models built on the assumption that a single way to organize things can suit all users…one IA to rule them all, so to speak.

Wer hier Parallelen zu den aktuellen Geschehnissen im Bibliothekswesen und in der Bibliothekswissenschaft sieht, sieht sicher nicht ganz verkehrt. Denn letztlich sind alle bibliothekarische Erschließungssysteme irgendwie “Informationsarchitekturen”, auch wenn sich die Bibliothekswissenschaft in Deutschland dieser Begrifflichkeit nicht so ganz annahm. Und genau dieser Ansatz des “einen” Weges zur Information, denn der Nutzer gehen lernen muss, ist a) wenn man z.B. dem Verständnis der Bibliothek 2.0 nach Patrick Danowski und Lambert Heller folgt bzw. b) einfach nur den Gedanken der Nutzerorientierung konsequent denkt, nicht mehr haltbar. Denn je verschiedener die Nutzerschaft – und in einer pluralistischen Patchworkgesellschaft sind die Nutzerprofile nunmal enorm verschieden von den Vorkenntnissen bis zu den Interessenlagen – desto vielfältiger müssen auch die Zugangsmöglichkeiten sein, wobei man selbst wenn man das Hohelied der personalisierten Dienstleistungen schmettert, anerkennen muss, dass man gewisse Grundcluster definieren muss. Dies ist insofern interessant, als dass man bei dieser Annäherung, die den Nutzer ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, beginnt die Nutzer selbst zu “klassifizieren”. Die gelieferten Inhalte werden gemäß dieser Nutzer- oder Zielgruppen-Klassifikation aufgearbeitet und entweder zum Abruf bereitgestellt oder gleich geliefert. Auch diese Wahlmöglichkeit zwischen push und pull müsste gegeben sein, genauso wie die Entscheidung, ob man seine Inhalte digital, per e.mail, per RSS o.ä., als Fax, oder mit dem Paketdienst lose ausgedruckt, ausgedruckt und geleimt oder ausgedruckt, ledergebunden und mit Goldschnitt bekommen möchte, wobei die Druckvarianten sicher entsprechend ihres Aufwandes vom Nutzer als Zusatzleistung bezahlt werden müssten.

Bibliothekarische Erschließungsmittel wären bei dieser Vision entgegen mancher Annahme gar nicht überflüssig, sondern vielmehr eine betriebsinterne Erschließung, auf deren Grundlage die Informationsspezialisten bzw. Bibliothekare ihren eigenen Zugriff auf die Bestände/Inhalte organisieren. Der Nutzer allerdings sieht sich nicht mehr gezwungen, dieser “betriebsinternen” Erschließung folgen zu müssen, sondern kann sich in den dynamisierten Informationsumgebungen seine eigene Erschließung (also eine Art Selfsonomie) basteln. Das macht Sinn, denn wer beispielsweise mithilfe einer Literaturverwaltung eine wissenschaftliche Arbeit begleitet, setzt sich die Schlagwörter vermutlich auch projektadäquat und weniger nach der Schlagwortnormdatei (und meist verzweifelt er am Ende auch hier).

Dass man tatsächlich das Ende der Information Architecture ausrufen sollte, möchte ich nicht so recht glauben, genauso wie ich nach wie vor der Institution Bibliothek und der Disziplin Bibliothekswissenschaft auf absehbare Zeit (was heute in diesem Zusammenhang allerdings häufig eine ziemlich kurze Spanne beschreibt) eine Bedeutung zumesse. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass man sich in gewisser Weise selbsterfindet und vorallem einen offensiven Gestaltungswillen entfaltet. Im Grundsatz stütze ich das von Porter zitierte “platonic argument” Thomas Vander Wals:

But, we do need taxonomies to provide that foundation structure. We need solutions that can help the many people whose terms and vocabulary are left out of the taxonomy.

Ganz ohne Struktur wird Denken und auch die Gestaltung und Vermittlung von Information unmöglich, allerdings, und das ist jetzt eine furchtbare (und dabei fruchtbare) wissenschaftstheoretische Phrase, muss man sich dabei immer der Bedingtheit und der Grenzen seines Denkens, d.h. auch seiner Informationsstrukturierung bewusst bleiben. Und solange wir Information in Sprache und Text übermitteln, denen eindeutig eine Struktur innewohnt, kann ich der von Joshua Porter angedachten “Fortbewegung” nicht zustimmen:

But the fact is that IA is a theory about the inherent structure of information…the architecture of information…and if we are moving away from that we should call it something else.

Ich glaube nicht, dass wir uns von der Strukturierung hin zu einer Nicht(Vor)-Strukturierung wegbewegen. Ich glaube, dass wir einfach die Kreisbahn, in der wir um die Mitte(=Struktur) tanzen gehörig erweitern. Eine gewisse strukturelle Gravitation ist aber für jede Kommunikation notwendig und ich behaupte mal, auch für die Selbstwahrnehmung. Das dieser Graviationskern in der Mitte von allem unverstehbar und mitunter sogar völlig leer sein kann, weiß man seit Rilkes Panther aus dem Jardin des Plantes bzw. seit der Quantenphysik. Und trotzdem hält uns dieser Kern auf Spur, wenn wir unsere Kreise durch die Beziehungsnetze ziehen. Denn bei aller Rhizomatik bleibt der Nutzer Mensch – und zwar mit Sinnbedürfnis – was in unserer Welt Monade heißt. Das bedeutet, selbst wenn wir uns Informationsflüsse statt Informationsstrukturen und dies radikal hetararchisch denken, gibt es am Ende doch eine Grunddichotomie, nach der sich alles prima aufschlüsseln lässt “…:die Leere/und das gezeichnete [in diesem Fall buchstäblich als selbstentworfenes] Ich”…

Und aus dieser (Selbst)Erkenntnis und meiner Alltagserfahrung schließe ich, dass auch der aufgeklärte Mensch bei der Informationsverarbeitung in jedem Fall “strukturaffin” ist. Nur Dogmatismus, z.B. klassifikatorischen, mag er nicht. Das ist aber noch lange kein Grund, gleich alle Begriffe verbrennen zu wollen.

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