Bibliotheken in der Weltliteratur.

Heute: Primo Levis “Das periodische System.”

“Sobald ich konntem begab ich mich in die Bibliothek: ich meine die ehrwürdige Bibliothek des Chemischen Instituts der Universität Turin, zu jener Zeit wie Mekka allen Ungläubigen unzugänglich, ja selbst für Gläubige wie mich schwer zugänglich. Man könnte meinen, die Direktion verfolge das weise Prinzip, einem die Künste und Wissenschaften möglichst zu verleiden: nur wer von unumgänglicher Notwendigkeit oder von übermächtigter Leidenschaft getrieben war, unterwarf sich gern den Beweisen von Selbstverleugnung, die gefordert wurden, um die Werke einsehen zu dürfen. Geöffnet war die Bibliothek nur kurz und zu unsinnigen Zeiten, die Beleuchtung war spärlich, die Kartei in Unordnung; im Winter wurde nicht geheizt, es gab keine Stühle, sondern unbequeme, quietschende Metallhocker; und der Bibliothekar war ein unwissender, frecher, grundhäßlicher Grobian, den man an den Eingang gesetzt hatte, damit er mit seinem Aussehen und seinem Geschimpfe die um Einlaß Bittenden abschreckte. …” (Levi, Primo (1987) Das periodische System. München: Hanser, S. 182)

Man kann sich angesichts dieser schönen Zeilen aus einer weitgehend vergangenen Bibliothekszeit ausmalen, woher Umberto Eco die Inspiration zu seinem berühmten Essay über die ideale Bibliothek bezog. Auf den Folgeseiten lobt Primo Levi, seines Zeichens Chemiker und Schriftsteller, übrigens voll Ehrfurcht und Überschwang das Chemische Zentralblatt und den Beilstein, wobei der Schluss des Lesers, das einstige Bibliothekswesen hätte den Zugang zu den Früchten des wissenschaftlichen Dokumentationswesens gründlich zu erschweren versucht, sicher komplett ins Leere läuft. Aber man freut sich schon, wenn man in der Nachtbuslektüre auf solche, der eigenen Lebens- und Erlebenswelt nicht ganz fernstehende, Beschreibungen trifft und deshalb wird die obige Passage hier zitiert.

1 Response to “Bibliotheken in der Weltliteratur.”


  1. [...] Führungen in unserer Bibliothek, die im Bereich des Auskunftsplatzes starten, schon mal mit einem Zitat aus dem Roman “Das periodische System” des italienischen Schriftstellers Primo Levi begonnen: Der [...]

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