UB der HU, blamiert

Heute vor dem IB: die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zeigt wie man aussondert.
Da trotz aller Bemühungen und Angebote des Instituts schon vor einiger Zeit die Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft umgesiedelt worden ist, gab es einen größeren Bestand an Dubletten, die im Keller und im ehemaligen Bibliothekssaal des Gebäudes Dorotheenstraße 26 aufbewahrt wurden. Eine vernünftige Entscheidung wäre es gewesen, diese – wenn man sie schon nicht an Antiquariate veräußern kann, z.B. werden die als komplette Sammlung entsorgten “Neuen Deutschen Hefte” im ZVAB mit € 1200 taxiert – vielleicht im Foyer des Instituts durch die Bauarbeiter, die sie in Müllsäcken die Treppen hinauf bzw. hinunter trugen, aufzuschichten zu lassen und entsprechend einer möglichen Weiterverwertung z.B. durch die Studiernden zuzuführen. Da die Universitätsbibliothek aber anscheinend weder auf Geld aus dem Weiterverkauf noch die auf Sympathie ihrer Studierenden angewiesen zu sein scheint, wurden die Bestände heute im Laufe des Vormittages wild in einen Großcontainer durcheinandergeworfen, in dem sie zur Stunde auf den Abtransport zur Mülldeponie warten.

U.a. im Entsorgungskonvolut enthalten sind LIBRI 2 x Jahrgänge 1952-1990 komplett, gebunden, tadellose Exemplare (Einzelhefte werden mit 6-8 € veranschlagt), die Jahresbände der Library of Congress, etliche Bände der Zeitschrift “Information Science”, die Zeitschrift “Library Quarterly” gebunden und in Einzelheften, zahllose Monografien, etliche Referenz-Materialien aus dem Saur-Verlag, die kompletten Jahrgänge der Zeitschrift “Biblos” (Gruß nach Österreich) usw.


Natürlich, wird jetzt sicher eingewendet, seien die Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu befangen und sehen in ihrem Entsetzen nicht den Sinn der Aktion, etliche Kubikmeter Printmaterial zu vernichten. Hier sieht man, dass die neue Generation nicht unbedingt progressiver sein muss, als die Leitung von Universitätsbibliotheken… Unglaublich, nach wie vor. Wir wühlen halt heraus, was zu retten ist…

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27 Responses to “UB der HU, blamiert”


  1. 1christof-capellaro

    Da kann man wirklich nur den Kopf schütteln: eine offenbar vollkommen unüberlegte Vernichtungsaktion, die – wie Ben treffend vorrechnet – auch eine massive Geldvernichtungsaktion ist.

  2. 2Marcus

    Ich weiss gar nicht was ihr habt. Für die UB der Humboldt ist das doch ein relativ sensibles Vorgehen. Sie hätten auch einfach das Gebäude in Brand stecken können.

    Vielleicht sollte man den Landesrechnungshof Berlin für die Aktion interessieren.

  3. 3Karsten

    Unglaublich, das Ganze! Abgesehen von Studierenden oder der Fachschaftsbibliothek hätten sicherlich auch andere kleinere Bibliotheken Teile dieses Bestandes gerne abgenommen. Aber die Mühe, eine Mail an z.B. die INETBIB-Liste zu schicken, wollten sich die für diese Aktion Verantwortlichen wohl nicht machen. Ich hoffe, ihr habt noch etwas retten können …

  4. 4Jakob
  5. Normalerweise ist eigentlich der uebliche Weg, so etwas ueber Tausch/Dublettenlisten loszuwerden… Ist aber natuerlich relativ aufwendig und die Titel muessen gelagert werden koennen.

  6. es ist einfach nur traurig, wie sehr der Ruf einer Bibliothek durch eine schlechte Leitung zerstört werden kann. Und es ist einfach schade, dass man uns Studenten nicht die Möglichkeit gibt, diese Materialen z.B. für unsere ehrenamtliche und auf Spenden angewiesene Fachschaftsbibliothek zu nutzen.
    Und wenn ich mich da an ein nettes Praktikum in der UB der HU erinnere (Zweigbibliothek Romanistik): ich habe eine Woche damit verbracht Zeitschriften in der ZDB zu suchen, da man offenbar die alten Exemplare nicht wegschmeißen durfte, bevor man nicht sicher gestellt hat, dass sie im Berlin-Brandenburgischen Raum noch einmal erhältlich sind. Offebar gilt dies nur für Fachreferenten und nicht für Bibliotheksdirektoren.

  7. Das mit der Lagerung ist schon ein etwas eigenartiger Aspekt, war doch ein Großteil der Bestände in einer Compactus-Anlage im Keller des Institutsgebäudes untergebracht, die wohl kaum so schnell abgebaut werden wird. Die ist nun leer und verlassen…

  8. Auf der Basis der knappen “Inhaltsbeschreibung” des Containers vor DOR 26, die Herr Kaden in seiner Meldung gegeben hat, habe ich mal eben im Bestand unserer Hochschulbibliothek in Leipzig nachgeschaut, was wir hier gut und gerne hätten brauchen können… Naja, also von Biblos fehlen uns hier z.B. volle 26 Jahrgänge, von den Jahrbüchern der LoC scheinen wir ein oder zwei Ausgaben zu haben…
    Und das besonders Ärgerliche daran: Was macht mich, ahnungslos wie ich bin, nur so verdammt sicher, daß aus der UB der HU hier gewißlich niemand nachgefragt hat, ob wir vielleicht die ein oder andere Rückergänzung unserer Bestände aus Erscheinungsjahren, in denen hier die “Kontingentmittel” für Literatur aus dem NSW (Nichtsozialistischen Wirtschaftgebiet) sehr beschränkt waren, vielleicht brauchen könnten – von einer ordentlichen Dublettenliste mal ganz abgesehen??!

  9. @Karsten: Wir haben leider im Prinzip nichts mehr aus dem Container geholt, denn relativ kurz nachdem ich diese Nachricht schrieb und mit Christof und einem weiteren Studenten ein paar Sachen holen wollte, war das ganze schon abgeholt. Ich habe noch nie erlebt, dass irgendetwas in der UB der HU so schnell und reibungslos durchgezogen wurde. Vielleicht wollte man auch einfach nicht so viel Aufmerksamkeit auf die Aktion ziehen. Vom IB wusste, soweit ich weiß niemand, was heute geschehen sollte. Eine tolle Überraschung der Bibliothek also. Das nennt man Dienst an der Wissensgesellschaft.

  10. 10Petra Hauke

    Es verschlägt mir einfach die Sprache! Warum hat man nicht wenigstens den Studierenden Gelegenheit gegeben, sich hier zu bedienen?
    Die Freie Universität zeigt, wie’s auch anders geht: Neben den Regalen in der Ausleihstelle mit ausgesonderten Büchern gibt es in der Philologischen Bibliothek einen großen Bücherbasar, der mit Erfolg von Studierenden betrieben wird, vgl. auch. http://www.ib.hu-berlin.de/buchidee/buch4/content/Werner6.pdf

  11. 11Karsten

    Wenn ich mich nicht irre, war doch Herr Bulaty sogar am Dienstag im BBK. Hätte er da nicht auf die Aktion hinweisen können? Ich kann es einfach nicht verstehen…

  12. 12Eva

    Das wirklich schlimme daran ist, dass diese Buchentsorgung kein Einzelfall ist. Bei der Zentralisierung der Bibliotheken an HU und FU wurden in vielen vielen Bibliotheken unzählige Container von Büchern einfach in den Müllgeschmissen.
    Zum Glück hat jemand die Vorgänge am Institut für Bibliothekswissenschaft mitverfolgt. Was alles schon seit Monaten an Büchern und Ressourcen im Zuge der Bibliothekszentralisierung weggeworfen wurde, hat ja fast keiner mitbekommen!
    Dies ist eine Behandlung von Kulturgut, die nicht weit weg von den Bücherverbrennungen ist, die ja nicht einmal 50 Meter entfernt von HU-Hauptgebäude mit einem Denkmal am Bebelplatz ach so sehr bedauert wird…

  13. 13Transparency

    Ich denke, diese Schandtat sollte nicht im Weblog bleiben, sondern auch in der Inetbib, B-Dienst usw. publik gemacht werden. Sonst würden die Technokraten der UB auch weitere Bibliotheken so “erledigen”.

  14. 14Manuela

    Laut Mitteilung eines Mitarbeiters des ausführenden Entsorgungsunternehmens wurden vergangene Nacht die Bücher erfolgreich mit einer 3-schichtigen-Schneidemaschine vernichtet. Wir können sie dann wohl zu unserem Weihnachtsfest in Form von, mit wärmenden Glühwein gefüllten, Pappbechern wieder in den Händen halten…

  15. Die Bibliothek, in der ich arbeite, hätte mit Freuden einige der erwähnten Zeitschriftenjahrgänge abgenommen.

  16. 16Tuisko

    Wie kann das angehen? Wer zeichnet denn solch einen Wahnsinn verantwortlich? Auch wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, die entsprechenden Personen sollten ihn nun nicht noch zudecken dürfen… Wirklich skandalös!

  17. 17k.schmidt

    Sehr traurig, aber eben leider nicht unglaublich! Auch so kann man berühmt werden.

  18. 18Herostrat

    Auch ich wurde so berühmt!

  19. 19Nero

    Ich auch…

  20. 20D Askey

    Wo bleibt der deutsche Nicholson Baker, der so eine Aktion einem größeren Publikum mittels eines Artikels in einem renommierten Blatt mitteilt. Daß so was in Zeiten größter Finanzkrise im Hochschulwesen passieren könnte, verschlägt mir den Atem.

  21. Obwohl in Netbib zweimal berichtet und von mir nach INETBIB getragen, kam in INETBIB – mit Ausnahme von zwei Mails von Karl Dietz – keinerlei Resonanz.

  22. Ein ergänzendes Statement des Antiquars Thomas Haker zum Sachverhalt findet sich heute in der inetbib.

  23. Ziel ist es, die für die HU unbrauchbaren Dupletten möglichst der interess. Öffentlichkeit vorzuenthalten, um der Umstrukturierung jener zur Eliteuniversität Vorschub zu leisten! Würde man den Kram für umsonst ans Volk verteilen, könnte man sich keine so schöne Banausenrepublik heranzüchten. 1 Schelm, wer Böses denkt dabei.
    Mag sein, daß, wie Thomas Haker weismachen will, der Papierberg unverkäuflich gewesen ist.
    Wir hätten ihn aber auch geschenkt genommen.

  24. 24Micha

    Hallo Propagandaminister.
    Interessante Verschwörungstheorie. Lesen Sie mal dieses Buch:

    http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3932425081/qid=1132249731/sr=1-1/ref=sr_1_0_1/302-6040744-4221615

    Kann Ihnen nicht schaden.

  25. 25CC

    Passend zur hiesigen Diskussion diese Passage aus einem Aufsatz von Alice Keller (die sich hierbei wohlgemerkt nicht auf Vorfall an der Humboldt-Universität bezog.)

    “Und schliesslich kommt die Kunst der Deselektion. Welche Bibliothek darf mehrfach vorhandene Altbestände ausscheiden? Wer übernimmt die Arbeit des physischen Ausscheidens von Büchern und Zeitschriftenbänden? Wer löscht die Katalogeintragungen, Signaturen und Stempel? Stets kommen zu diesem Zeitpunkt Vorschläge auf, dass man die Bestände anderen Bibliotheken anbieten könnte. Meist scheitert dieser Plan daran, dass (a) niemand an Altbeständen interessiert ist und (b) die Transportspesen horrend teuer sind. Also bleibt der Bibliothek nichts anderes übrig als die Bestände in Nacht-und-Nebel-Aktionen diskret, sicher aber teuer zu entsorgen.”

    Keller, Alice: Deduplizieren: die Kunst der Bestandsverschlankung. In: Medizin – Bibliothek – Information, 4 (2004), H. 2, S. 16 http://www.agmb.de/mbi/2004_2/keller16.pdf .

  1. [...] Bücher auszusuchen, noch irgendwelche anderen Anstrengungen zur Vermarktung gemacht. Hier weitere Details (Weblog des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaf [...]

  2. [...] Mail von Herrn Bulaty in inetbib. Er nimmt auf folgendes Weblog-Posting bezug. http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=3299 Kommen [...]

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